Stabübergabe in der Inneren Medizin am HFR Tafers

Während 21 Jahren leitete Chefarzt Dr. med. Raphael Kessler die Innere Medizin am Standort Tafers. Sein Nachfolger PD Dr. med. Jürgen Bohlender kann auf eine langjährige Berufserfahrung und eine breite Forschungstätigkeit zurückblicken. Die beiden Chefärzte im Interview mit einem Rück- und Ausblick.

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PD Dr. med. Jürgen Bohlender

Dr. med. Bohlender

Dr. med. Kessler, Sie haben viele Wechsel am Spital erlebt. Was bleibt Ihnen besonders in Erinnerung?
Dr. med. Kessler: Bis 2007 waren das Spital und das Pflegeheim eine Einheit; mit der Gründung des HFR kam es zur Trennung und es war schwierig, diese beiden zusammengewachsenen Strukturen auseinanderzunehmen. Es gab auch diverse Chefarztwechsel, das bedeutete oft zurück auf Feld eins, was die Zusammenarbeit betraf.

Sie übergeben am 1. Juli die Leitung der Abteilung Innere Medizin an PD Dr. med. Jürgen Bohlender. Wie sieht Ihre Bilanz nach 21 Jahren als Chefarzt aus?
Dr. med. Kessler: Ich bin keineswegs frustriert, aber doch etwas ernüchtert, wenn ich sehe, was geblieben ist. Im Laufe der Jahre kam es zu diversen Veränderungen: Am entscheidendsten war für mich der Wechsel im Qualitätsdenken durch die damalige Geschäftsleitung 2009, die neue Massstäbe im Qualitätsmanagement einführte. Jetzt, mit der Strategie 2030, braucht es jemand anderes und einen Wechsel in der Leitung. Es gibt sicher auch mit der Zeit einen gewissen Tunnelblick, doch wir sind immer davon ausgegangen, dass das, was wir hier in Tafers taten, auch gut ist für das ganze HFR.

PD Dr. med. Bohlender: Sie waren an grossen Spitälern wie dem CHUV, dem Inselspital oder auch am Kantonsspital tätig. Was hat Sie dazu bewegt, die Stelle als Chefarzt Innere Medizin am HFR Tafers anzutreten?
Dr. med. Bohlender: Die Herausforderung, die diese Stelle bietet, und die mir Spass macht. Ich kenne die Herausforderung aus meiner Zeit an einem kleinen Spital in Deutschland, das damals nicht so gut abgesichert war wie jetzt das HFR Tafers; das Zentrumsspital war damals ca. 50 km weit entfernt. Ich hatte dort gelernt, Entscheide zu treffen, das Beste für die Patienten zu tun, die Assistenzärzte gut zu betreuen und die Zusammenarbeit mit den Hausärzten zu pflegen. Auf dieser Erfahrung kann ich jetzt aufbauen. Der Wechsel ans HFR Tafers war so nicht geplant, aber ich habe die Aufgabe gerne angenommen.

Spielte bei Ihrem Entscheid, nach Tafers zu kommen, die Masterausbildung in Humanmedizin in Zusammenarbeit mit der Uni Freiburg eine Rolle?
Dr. med. Bohlender: Ja, ganz klar: Hier gibt es die klinische Tätigkeit und die universitäre Ausbildung. Auch bei der Ausbildung der Studenten und der Begleitung von wissenschaftlichen Promotionsarbeiten kann ich auf meine Erfahrung zurückgreifen, was ganz dem Profil meiner Stelle am HFR entspricht.

Sie sind ebenfalls seit längerem in der Forschung tätig, mit Schwerpunkt Bluthochdruck und Nephrologie. Wie werden Sie diese Arbeiten fortsetzen?
Dr. med. Bohlender: Meine primäre Aufgabe ist es jetzt, die Strategie 2030 umzusetzen und die Innere Medizin in Tafers weiterzuentwickeln. Dr. med. Kessler war bestens organisiert und hinterlässt die Abteilung in einem guten Zustand. Der Ruf bei den Assistenzärzten ist hervorragend, die Zusammenarbeit mit der Pflege ist gut. Wir haben eine leistungsfähige Radiologie, auch der Notfall ist bestens organisiert. Ich bin sehr froh, auf so einer guten Basis weiterarbeiten zu können. Jetzt kommt die grosse Herausforderung, das Spital und die Abteilung in die Zukunft zu führen. Ziel ist ein breites Leistungsangebot mit einer Stärkung des ambulanten Angebotes in Ergänzung zum Standort Freiburg; auch das Sprechstundenangebot spielt dabei eine wichtige Rolle. Parallel dazu werde ich in der Ausbildung tätig sein: Wir werden Studenten im klinischen Studium begleiten, sie müssen Arbeiten schreiben und ich möchte, dass kleinere wissenschaftliche Arbeiten auch am Standort Tafers erstellt werden.

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Dr. med. Raphael Kessler

Dr. med. Raphael Kessler

Dr. med. Kessler, wie hat sich der Fachbereich Innere Medizin in den letzten 20 Jahren verändert? Kommen die Patienten noch immer mit den gleichen Beschwerden ins Spital?
Dr. med. Kessler: Die Komplexität der Fälle hat zugenommen: Patienten kommen mit diversen Beschwerden zu uns – dies können bis zu 10 oder 15 verschiedene Symptome sein, zum Beispiel Atemnot, irgendein Infekt, usw. Die Symptome können sich rasch ändern und die Diagnosestellung wird komplexer. Auch das zunehmende Alter der Patienten spielt dabei eine Rolle. Diese Patienten brauchen eine engmaschige Betreuung. Deshalb ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit sehr wichtig, mit dem Zentrum – also dem Standort Freiburg – und auch im Haus.

Sie sind zusammen mit Dr. med. Arnold-Ferrari auch für die Leitung der Notfallstation am HFR Tafers zuständig. Wie haben sich die Patientenzahlen entwickelt?
Dr. med. Kessler: Als ich vor 21 Jahren meine Stelle antrat, gab es keine richtige Notfallstation; wir hatten damals etwa zwei Patienten pro Tag. Im vergangenen Jahr hatten wir 9000 Fälle.

Sie haben die Bedeutung der Interdisziplinarität erwähnt. Wie wichtig ist die Vernetzung mit den anderen Fachbereichen im Haus, z. B. der Geriatrie oder Rehabilitation? Wie funktioniert diese Zusammenarbeit?
Dr. med. Kessler: Wir arbeiten ergänzend: Bei uns in der Inneren Medizin ist die Situation viel dynamischer, da wir eine Akutstation sind: Der Patient benötigt schnell und unmittelbar eine Behandlung. Wenn die Akutphase vorbei ist, der Patient jedoch noch nicht nach Hause gehen kann, kommt je nach Fall die geriatrische Rehabilitation oder die Geriatrie zum Zug. In diesen Abteilungen werden komplexe Abklärungen vorgenommen, die individuell an den Patienten angepasst sind. Ziel ist, dass der Patient in stabilem Zustand das Spital wieder verlassen kann.

PD Dr. med. Bohlender, das HFR gestaltet das gesamte Spital neu, mit der Umwandlung der Aussenstandorte in Gesundheitszentren. Wo sehen Sie die Chancen dieser Strategie?
Dr. med. Bohlender: Die Aussenstandorte haben eine Entlastungsfunktion für das HFR Freiburg – Kantonsspital, wo die hochspezialisierten Disziplinen sind. So können Patienten an die Aussenstandorte verlegt und wohnortsnah betreut werden. Die Gesundheitszentren werden eine wichtige Aufgabe in der stationären und ambulanten Grundversorgung haben, mit den gleichen Qualitätsstandards wie in Freiburg und auch mit einer wichtigen Aufgabe in der Ausbildung.

Letzte Frage an Dr. med. Kessler: Wie geht es Ihnen kurz vor der Pensionierung und nach 21 Jahren im Dienst des Spitals?
Dr. med. Kessler: Gut! Ich blicke gerne auf die Zeit am HFR Tafers zurück. Jetzt ist der Moment, zu gehen. Ich sage allen Danke, auch meinem Nachfolger, und bin zuversichtlich für die Zukunft.

Gibt es etwas, das Sie den Patienten und Mitarbeitenden mit auf den Weg geben möchten?
Dr. med. Kessler: Ja, den Mitarbeitenden: Bleibt engagiert und habt Freude an der Arbeit; und den Patienten: Lasst euch weiter in Tafers behandeln.

H24 / Frühling 2020